Johannes Richardt KI, Kommunikation & Strategie

ESSAY

Europas Agency-Renaissance

Um die KI-Revolution zu meistern, brauchen wir eine Kultur des Vertrauens in die eigene Handlungsfähigkeit.

Seinen Rückzug aus dem professionellen Go-Spiel begründete der südkoreanische Großmeister Lee Sedol 2019 mit folgenden Worten: „Even if I become the number one, there is an entity that cannot be defeated.“11 „Selbst wenn ich die Nummer eins werde, gibt es ein Wesen, das nicht zu besiegen ist.“ Die Niederlage gegen AlphaGo im März 2016 endete 1:4. Zitiert nach CNN, 27.11.2019, https://edition.cnn.com/2019/11/27/tech/go-master-google-intl-hnk-scli/index.html; ursprünglich Yonhap, 27.11.2019 (Abruf: 22.10.2026). Drei Jahre zuvor hatte Lee, einer der besten Spieler seiner Generation, gegen das Programm AlphaGo der damaligen britischen Google-Tochter DeepMind verloren. Dass eine Maschine einen Weltklassespieler im „Spiel der Götter“ besiegen könnte, hielten viele Experten auf absehbare Zeit für ausgeschlossen.22 Toby Manning (British Go Association) in: „Go Players React to Computer Defeat“, Scientific American, 2016: „the feeling was it was going to take another 10 years or so“, https://www.scientificamerican.com/article/go-players-react-to-computer-defeat/ (Abruf: 27.10.2026). Der berühmte 37. Zug in der zweiten Partie, den Go-Profis auf Grund seiner Unkonventionalität zunächst für einen Fehler hielten, erschütterte die Gewissheit, dass menschlicher Intellekt der Maschine überlegen sei. Weltweit?

Lee Sedol am Spielbrett gegenüber AlphaGo, Seoul 2016Vergrößern ↗
Lee Sedol gegen AlphaGo, Google DeepMind Challenge Match, Seoul, März 2016. Standbild aus „AlphaGo“ (Regie: Greg Kohs, 2017), © Google DeepMind. Ausschnitt.

Gut zehn Jahre nach diesem Sieg scheint es, als habe jener Landzipfel am westlichen Rand der eurasischen Kontinentalplatte, der sich Europa nennt, die Zeichen der Zeit, die andernorts wahrgenommen wurden, nicht sehen wollen. Während die USA die KI-Entwicklung weiter vorantrieben, wurden AlphaGos Erfolge unter dem Banner des Union Jack in Süd- und Südostasien als „Sputnik-Moment“ wahrgenommen.33 Kai-Fu Lee: AI Superpowers: China, Silicon Valley, and the New World Order, 2018, Kapitel 1. Lee deutet AlphaGos Erfolge als Chinas „Sputnik-Moment“. Auch in Südkorea, Japan, Singapur und anderen Staaten Asiens sorgten AlphaGos Siege für große Unruhe und setzten eine breite Debatte über die Bedeutung der KI in Gang. Dabei spielten auch Erinnerungen an das 19. Jahrhundert eine Rolle, als technologische Rückständigkeit in koloniale Abhängigkeit mündete. Europa, das damals auf der anderen Seite stand, hat diese Erfahrung nie gemacht. 2017 verabschiedete die chinesische KP-Führung einen nationalen KI-Entwicklungsplan mit dem Ziel, bis 2030 an die Weltspitze vorzustoßen. Heute liefert sich China ein Wettrennen mit den USA um die KI-Vorherrschaft.44 Staatsrat der Volksrepublik China: New Generation Artificial Intelligence Development Plan, veröffentlicht am 20. Juli 2017. Der Plan strebt für 2030 eine weltweit führende Stellung in KI-Theorie, -Technologie und -Anwendung an. Im Regierungsarbeitsbericht vom 5. März 2026 kündigte China den weiteren Ausbau der Initiative „AI Plus“ an, u. a. eine beschleunigte und großflächige Nutzung intelligenter Endgeräte und KI-Agenten in allen relevanten Wirtschaftsbereichen. Originaldokument 2017; Regierungsportal, 05.03.2026 (Abruf: 22.10.2026).

Europäische Schlafwandler

Wir in Europa drohen die KI-Revolution zu verschlafen und setzen damit Wohlstand, Freiheit und Demokratie aufs Spiel. Im Oktober 2026 traf in Berlin der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz auf Nvidia-Chef Jensen Huang. Das US-Unternehmen (aktuell an der Börse etwa so hoch bewertet wie das gesamte deutsche BIP) baut die Hardware der KI-Revolution. Wohlwollend griff Huang ein Wort des Kanzlers auf: „In the Chancellor’s words, you are re-engineering Germany. This is your chance to do it well.“55 Empfang des Invest in Germany Summit am 19. Oktober 2026 im Kraftwerk Berlin. Der Nvidia-Bericht dokumentiert Huangs Wortlaut sowie die Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit der Bundesregierung bei industrieller und physischer KI. Merz appellierte an die anwesenden Unternehmen: „Please open your doors for AI to make use of your data.“ Nvidia-Bericht, 19.10.2026 (Abruf: 22.10.2026). Gemeint waren Rechenzentren, Daten und KI-gestützte Produktionsprozesse, also die technologischen Mittel der KI-Revolution. Hier soll das Wort tiefer gedeutet werden: Deutschland und Europa müssen neben ihrer physischen auch ihre geistige Infrastruktur umbauen, um in einer sich radikal wandelnden Welt bestehen zu können.

In einem historischen Moment, der von verantwortlichen Akteuren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einzigartigen Gestaltungswillen und Veränderungsbereitschaft verlangt, blockieren sich Europas Gesellschaften in Besitzstandswahrung und Kulturkämpfen. Denn neben dem technologischen Wandel müssen wir multiple Krisen u. a. durch eine veränderte geopolitische Wirklichkeit oder den demografischen Wandel meistern.

Was in Vergessenheit geraten ist: Europa gehört zu den Ursprungsorten der digitalen Revolution. 1941 baute Konrad Zuse in seiner Werkstatt in Berlin-Kreuzberg mitten im Zweiten Weltkrieg mit der Z3 den ersten funktionsfähigen, programmierbaren Computer der Welt.66 Die Z3 war der weltweit erste vollautomatische, programmgesteuerte und frei programmierbare, in binärer Gleitkommarechnung arbeitende Rechenautomat. Sie basierte im Gegensatz zu späteren Generationen noch auf elektromagnetischen Relais (ca. 2.000 Relais). Dass sie einer universellen Turing-Maschine gleichkommt, zeigte erst 1998 der Informatiker Raúl Rojas (Raúl Rojas: „How to Make Zuse’s Z3 a Universal Computer“, in: IEEE Annals of the History of Computing, Bd. 20, Nr. 3, 1998). Das Original wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Ein Anfang der 1960er Jahre von Zuses Firma Zuse KG gebauter Nachbau befindet sich im Deutschen Museum in München, während ein moderner, von seinem Sohn Horst Zuse 2010 rekonstruierter Nachbau im Deutschen Technikmuseum in Berlin besichtigt werden kann. In dieser Zeit entwickelte Alan Turing in Großbritannien wesentliche theoretische Grundlagen der universellen Rechenmaschine und der „thinking machines“.77 Zu Turings Pionierarbeiten vgl. Alan M. Turing: „On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“, in: Proceedings of the London Mathematical Society, Series 2, Vol. 42, 1936/37, S. 230–265, worin er das Konzept der universellen Rechenmaschine (Turing-Maschine) begründete. Die Frage „Can machines think?“ formulierte er im richtungsweisenden Folgeaufsatz ders.: „Computing Machinery and Intelligence“, in: Mind, Vol. 59, Nr. 236, 1950, S. 433–460. In dieser Arbeit entwickelte Turing das als „Turing-Test“ bekannt gewordene Imitation Game zur Überprüfung maschineller Intelligenz. Bei vielen folgenden Entwicklungsschüben lief Europa hinterher. Der Begriff „artificial intelligence“ wurde 1956 auf einer Konferenz im amerikanischen Dartmouth College geprägt.88 Der von John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Shannon verfasste Förderantrag für das richtungsweisende Forschungsprojekt („A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“) datiert vom 31. August 1955. Das eigentliche zweimonatige Forschungstreffen, welches als Geburtsstunde der Disziplin gilt, fand im Sommer 1956 am Dartmouth College statt. Der Antrag ist abgedruckt in: AI Magazine, Bd. 27, Nr. 4, 2006, S. 12–14. Die Geschichte der KI wurde trotz sehr vieler herausragender in Europa wirkender Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmen seitdem vor allem in den USA geschrieben.

Nachbau der Zuse Z3 im Deutschen MuseumVergrößern ↗
Nachbau von Konrad Zuses Z3 im Deutschen Museum, München. Foto: Venusianer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Im Folgenden sollen die kulturellen und institutionellen Ursachen des europäischen Rückstands untersucht werden. Warum fällt es Europa so schwer, längst bekannte Defizite zu überwinden und in den Modus der Zukunftsgestaltung zu wechseln? Die Symptome wurden vielfach beschrieben, Reformvorschläge liegen seit Jahren auf dem Tisch und doch ändert sich wenig. Diese Beobachtung ist Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Gerade jetzt, da um Potenzen mächtigere „thinking machines“ als zu Turings Zeiten in immer mehr Lebensbereiche vordringen und bei immer mehr Aufgaben die klügsten unserer Gattung übertreffen, braucht es Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft mehr denn je. Und genau dies ist es, was in Europa fehlt.

Eine neue Basistechnologie

Der Wandel, den wir erleben, ist epochal: KI ist eine neue Basistechnologie, vergleichbar mit Buchdruck, Dampfmaschine oder Elektrizität. Mit ihrer Verbreitung wird sie immer mehr Lebensbereiche fundamental verändern, einschließlich unserer Wirtschaftsweise und unserer politischen Prozesse und Institutionen. Wir stecken mitten in einer tiefgreifenden revolutionären Umwälzung.

KI kommt in immer mehr Feldern zum Einsatz und erweitert in erheblichem Maße unsere Handlungsspielräume, die Welt zu verstehen, Gefahren zu erkennen und anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. In der Wissenschaft sagt beispielsweise das KI-Programm AlphaFold die räumliche Struktur von Proteinen voraus und erschließt damit neue Möglichkeiten biologischer Forschung. In der Medizin unterstützt KI Radiologen bei der Erkennung von Tumoren. KI-Modelle verbessern Wetterprognosen, die etwa für Landwirtschaft, Energieversorgung und Katastrophenschutz wichtig sind. In Unternehmen kann generative KI Beschäftigte dabei unterstützen, mehr Aufgaben in derselben Zeit zu bewältigen und Wissen schneller verfügbar zu machen.99 Vgl. John Jumper et al.: „Highly accurate protein structure prediction with AlphaFold“, in: Nature, Bd. 596, 2021, S. 583–589, DOI: 10.1038/s41586-021-03819-2. Zur KI-gestützten Mammografie vgl. Nora Eisemann et al.: „Nationwide real-world implementation of AI for cancer detection in population-based mammography screening“, in: Nature Medicine, Bd. 31, 2025, S. 917–924. In der deutschen PRAIM-Studie stieg die Brustkrebs-Erkennungsrate mit KI-Unterstützung von 5,7 auf 6,7 Fälle je 1.000 Untersuchungen. Zum Wettermodell AIFS vgl. European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF): „ECMWF’s AI forecasts become operational“, 25.02.2025. Das System übertraf das physikbasierte Vergleichssystem bei zahlreichen Prognosemaßen und benötigte für die eigentliche Berechnung nach Angaben des ECMWF etwa tausendmal weniger Energie. Zum Einsatz generativer KI im Kundenservice vgl. Erik Brynjolfsson, Danielle Li, Lindsey Raymond: „Generative AI at Work“, in: The Quarterly Journal of Economics, Bd. 140, Nr. 2, 2025, S. 889–942. Die untersuchten Mitarbeiter lösten mit KI-Unterstützung durchschnittlich 15 Prozent mehr Kundenprobleme pro Stunde.

Und das ist erst der Anfang, wenn man den Fachleuten glaubt. Demis Hassabis, Chef von Google DeepMind und für AlphaFold 2024 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet, hält es für möglich, dass KI „vielleicht innerhalb des nächsten Jahrzehnts“ hilft, alle Krankheiten zu besiegen. Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic, erwartet, dass sie den Fortschritt in Biologie und Medizin um das Zehnfache beschleunigt. Auch akademische Forscher wie Kristin Persson (UC Berkeley) in den Materialwissenschaften oder David Rolnick (McGill University) im Klimaschutz trauen der KI entscheidende Durchbrüche zu, von neuartigen Batterien bis zur Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre.1010 Demis Hassabis im Interview mit CBS „60 Minutes“, 20.04.2025: „I think that's within reach. Maybe within the next decade or so, I don't see why not.“ Vgl. auch Business Today, 22.04.2025, https://www.businesstoday.in/technology/news/story/ai-could-eradicate-all-disease-in-just-10-years-says-google-deepmind-chief-demis-hassabis-473009-2025-04-22 (Abruf: 27.10.2026). Dario Amodei: Machines of Loving Grace. How AI Could Transform the World for the Better, Oktober 2024, https://www.darioamodei.com/essay/machines-of-loving-grace (Abruf: 27.10.2026). Zu KI-Anwendungen in den Materialwissenschaften vgl. Anuroop Sriram et al. [u. a. Kristin Persson]: „The Open Catalyst 2020 (OC20) Dataset and Community Challenges“, in: ACS Catalysis, Bd. 11, Nr. 23, 2021, S. 14214–14227, DOI: 10.1021/acscatal.1c04022; Amil Merchant et al.: „Scaling deep learning for materials discovery“, in: Nature, Bd. 624, 2023, S. 80–85, DOI: 10.1038/s41586-023-06735-9. Zum Potenzial von KI im Gesundheitswesen allgemein vgl. auch Fei-Fei Li: The Worlds I See, Flatiron Books, 2023. Zum Einsatz von KI im Klimaschutz und bei der Dekarbonisierung vgl. David Rolnick et al.: „Tackling Climate Change with Machine Learning“, in: ACM Computing Surveys, Bd. 55, Nr. 2, 2022, S. 1–96, DOI: 10.1145/3485128.

Wie frühere Basistechnologien folgt auch die KI einer weltweiten Entwicklungsdynamik, deren grundlegende Verbreitung sich wie eine Welle entfaltet und in ihrer Grundtendenz kaum aufzuhalten, aber durchaus auf vernünftige Weise zu kanalisieren ist. Mustafa Suleyman, Chef von Microsoft AI, hat die Spannung zwischen technologischer Ausbreitung und ihrer Einhegung in „The Coming Wave“ ausgeführt.1111 Mustafa Suleyman mit Michael Bhaskar: The Coming Wave: Technology, Power, and the Twenty-first Century's Greatest Dilemma, New York: Crown, 2023. Das Buch verbindet die Diagnose einer starken technologischen Ausbreitungsdynamik mit der Forderung nach ihrer politischen, gesellschaftlichen und technischen Einhegung. Heute sind Geschwindigkeit und technologische Macht ungleich größer als bei vergangenen Wellen.

Der amerikanische Futurist Ray Kurzweil hat nachgezeichnet, wie die Rechenleistung, die man für einen Dollar bekommt, seit Konrad Zuses frühen Relaisrechnern auf einer logarithmischen Skala gewachsen ist: um rund das 75-Billiardenfache (etwa 1017), gleichmäßig über alle Technikgenerationen hinweg. Er sieht die Entwicklung nun am „Knie der Kurve“, jenem Punkt, an dem dieses exponentielle Wachstum in einen historisch beispiellosen gesellschaftlichen Wandel umschlägt.1212 Ray Kurzweil: The Singularity Is Nearer. When We Merge with AI, New York 2024. Die Daten zur Rechenleistung je Dollar von Konrad Zuses Z2 (1939) bis zu Googles TPU v5e (2023) stehen im Anhang des Buchs. Angesichts dieser schwindelerregenden Prognosen helfen Wegsehen und Verharmlosen gleichwohl ebenso wenig wie Panik oder Schockstarre. Wie wir KI einsetzen, welchen Regeln wir sie unterwerfen und wie wir ihre gesellschaftlichen Folgen gestalten, liegt in unserer Hand. Und das betrifft alle Bereiche unserer „Ko-Existenz“1313 Ethan Mollick: Co-Existence. The Next Phase of AI, London 2026. mit der KI, nicht nur die von Suleyman zu Recht geforderte internationale Zusammenarbeit bei der Eindämmung existenzieller Bedrohungen wie KI-gestützten Biowaffenterrorismus. Entweder wir lernen die Welle zu reiten oder sie bricht über uns zusammen.

Vom Kreuzberger Relaisrechner zum KI-Chip

Rechenoperationen pro Sekunde je Dollar (Preise von 2023), 1939–2023

10-6 10-3 100 103 106 109 1012 1940 1960 1980 2000 2020 log. Skala Zuse Z2 ENIAC IBM 7090 Cray-1 IBM PC Pentium-PC Nvidia GTX 280 Google TPU v5e Faktor 1939–2023: rund 1017 Verdopplung etwa alle 18 Monate 10-6 10-3 100 103 106 109 1012 1940 1960 1980 2000 2020 log. Skala Zuse Z2 ENIAC IBM PC Pentium-PC Google TPU v5e Faktor rund 1017 Vergrößern ↗
Darstellung nach Ray Kurzweil: The Singularity Is Nearer, 2024, Grafik „Price-Performance of Computation, 1939–2023“. Werte in Preisen von 2023, gerundete Größenordnungen.

Die Folgen dieses Wandels sind noch nicht absehbar, im Guten aber auch im Schlechten. Man spricht bereits von einer vierten großen Kränkung der Menschheit, nach Kopernikus, Darwin und Freud.1414 Vgl. Luciano Floridi: The Fourth Revolution. How the Infosphere is Reshaping Human Reality, Oxford 2014. Nun steht der Anspruch des Menschen infrage, das intelligenteste Wesen im bekannten Universum zu sein. Doch die ontologischen, anthropologischen oder ethischen Fragen, die die „Strange New Minds“1515 Christopher Summerfield: These Strange New Minds: How AI Learned to Talk and What It Means, Viking, 2025. Summerfield ist Professor für Kognitive Neurowissenschaft in Oxford und Forschungsdirektor am britischen AI Security Institute. der KI aufwerfen, stehen hier nicht im Mittelpunkt. Es soll hier um die politischen und kulturellen Implikationen dieses Epochenbruchs gehen.

Agency kurz erklärt

Ein Wort ist dabei zentral in den globalen KI-Debatten: Agency. Das Deutsche bietet für diesen Begriff keine adäquate Eins-zu-eins-Übersetzung. Am ehesten trifft es der etwas sperrige Begriff der menschlichen Handlungsfähigkeit.1616 Zum Begriff der Agency sei eine Randbemerkung gestattet: Edgar Reitz’ Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (2013) spielt in einem kleinen Dorf im Hunsrück zur Zeit des Vormärz, ebenfalls einer Epoche tiefgreifender sozialer und technologischer Umbrüche. In einer Szene lässt der örtliche Feudalherr ein Dorffest willkürlich auflösen. Während der aufkommenden Revolte schleudern die Dorfbewohner den Schergen des Barons die Forderung nach „Liberté“ entgegen. Also nicht das deutsche Wort Freiheit, sondern die Kernforderung der Französischen Revolution in französischer Sprache. Ein feines Detail des Filmemachers, das darauf verweist, wie wenig das gedankliche Konzept der politischen Freiheit, also die Idee, die Herrschaftsordnung nicht nur zu erdulden, sondern selbst gestalten zu können, damals in der deutschen Kultur verankert war. Auch in der heutigen KI-Debatte wird hierzulande gerne ins Englische gewechselt, wenn es um Agency geht. Das hat wohl nicht nur mit der Hegemonie des Englischen in Wirtschaft und Wissenschaft zu tun, sondern auch damit, dass sich die anpackende Handlungsdimension des Begriffs in unsere Kultur nicht adäquat übertragen lässt. Ein Beispiel liefert dieser Beitrag der Langdock-Co-CEO Judith Dada auf X – komplett auf Deutsch mit Ausnahme des zentralen Wortes Agency: https://x.com/DadaJudith/status/2110317762853663216?s=20 Im Kern geht es darum, wie wir als Menschen angesichts der KI-Revolution auf individueller wie politischer Ebene Vertrauen in unsere Fähigkeit bewahren können, eigene Ziele zu verfolgen und unsere Lebensverhältnisse bewusst zu gestalten. Im klassischen Verständnis der Aufklärung von Locke über Voltaire bis Kant beruht das Konzept auf Fähigkeiten wie Vernunft und Urteilskraft, aber auch auf Vorstellungskraft, sinnlicher Wahrnehmung und schöpferischem Gestaltungswillen.

Konkret kann man Agency in der politischen Sphäre als nationale Souveränität nach außen und Volkssouveränität, also eine demokratische Herrschaftsform, nach innen übersetzen. Individuell bedeutet sie die Mündigkeit und Freiheit der Bürger, ihr Leben privat und als wirtschaftliche Subjekte selbst zu gestalten. Dies wiederum setzt im aufklärerischen Verständnis zum einen voraus, dass der Mensch die Natur verstehen und für seine Zwecke nutzen kann, zum anderen, dass er im sozialen Miteinander neue Möglichkeiten erschließen und die gesellschaftliche Ordnung gestalten kann. Diese Überzeugung prägte die europäische Moderne mit ihrem Ideal des freien, gleichen und verantwortlichen Menschen, der seine Zukunft selbst in die Hand nimmt und gestaltet.

Eine solche Handlungsfähigkeit setzt reale Möglichkeiten und Spielräume voraus. Ob wir diese nutzen und erweitern, hängt davon ab, was wir uns selbst und anderen zutrauen. Die formellen Regeln einer Gesellschaft stecken diese Spielräume ab, während Kultur, Werte und gegenseitiges Vertrauen ihre informellen Normen prägen. Beides – formelle Regeln und informelle Normen – macht für den amerikanischen Ökonomen Douglass North das institutionelle Gefüge einer Gesellschaft aus, in dem wir uns als Individuen bewegen.1717 Vgl. Douglass C. North: Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen 1992. North unterscheidet formelle Regeln wie Verfassungen, Gesetze und Eigentumsrechte von informellen Beschränkungen wie Konventionen, Normen und Verhaltenskodizes; beide zusammen bilden die Anreizstruktur einer Gesellschaft. Menschenwürde, politische Selbstbestimmung sowie individuelle und wirtschaftliche Freiheiten bilden den konstituierenden Kern dieses Geflechts in den säkularisierten Staaten, die sich infolge der Amerikanischen und Französischen Revolution ausbildeten. Ob und wie weit dieses Gefüge mit Leben gefüllt wird, hängt davon ab, wie sehr die Bürger von seinen Grundsätzen überzeugt sind und sie im Alltag leben.1818 „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde: Der Staat als sittlicher Staat, Berlin 1978, S. 37). Die geistigen Wurzeln dieser Voraussetzungen reichen weit vor die Aufklärung zurück. Sie liegen in der Auseinandersetzung mit dem Erbe Athens und Roms, in der „moralischen Revolution“ des Christentums und in der Weiterentwicklung seiner Gleichheitsidee im mittelalterlichen Rechtsdenken bis hin zum freiheitlichen Aufbruch in den städtischen Zentren der Renaissance in Norditalien und anderen Handelsstädten zwischen Rhein und Themse, die zur Entstehung des modernen Individuums und der säkularen Ordnung geführt haben (Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt, Stuttgart 2015).

Wenn die Maschine urteilt

Für die Gestaltung der KI-Revolution ist diese Einsicht zentral. Denn KI unterscheidet sich fundamental von früheren Technologien: Eisenbahn, Elektrizität, Satellitentechnik oder Mikroelektronik haben unsere Handlungsspielräume auch massiv verändert. Aber das Setzen von Zwecken und das Urteilen blieb Sache des Menschen. Mit der KI dringt Technik erstmals und im größten Maßstab in jene Fähigkeiten ein, mit denen wir uns selbst als handelnde Wesen bestimmen: Sprache, Analyse, Planung, Entscheidung und zunehmend ganze Handlungsketten. Sie ist mehr als ein Werkzeug, sie stellt den klassischen Begriff von Agency selbst radikal in Frage. Ob sie dabei unsere Handlungsfähigkeit erweitert oder ersetzt, entscheidet sich deshalb vor allem daran, was wir uns selbst im Umgang mit ihr zutrauen. Wir müssen unsere Urteils- und Handlungsvermögen an die epochal neuen Bedingungen anpassen, wenn wir nicht wie der Go-Großmeister Lee Sedol aus Defätismus der Maschine das Spielfeld überlassen wollen.

Was das bedeutet, zeigt sich zuerst im Kleinen, im Arbeitsalltag. Mit agentischen Systemen, die eigenständig recherchieren, Texte entwerfen, Daten auswerten oder ganze Arbeitsabläufe erledigen, wird jeder, der sie nutzt, in gewisser Weise zu einer Führungskraft digitaler Helfer: Er bestimmt Aufgaben, steuert die Arbeit und beurteilt die Ergebnisse. Darin liegt ein emanzipatorisches Potenzial, das weit über Effizienz hinausgeht, in der Büroarbeit ebenso wie in Bildungs- und Kulturinstitutionen oder im gesellschaftlichen Engagement. Wer KI kompetent und mündig nutzt, erhält ein Werkzeug, das ihm vieles abnimmt und vieles erst ermöglicht. Ethan Mollick, Professor an der Wharton School, hat dafür einfache Praxisgrundsätze formuliert. Im Zentrum steht die Überlegung, die eigene Urteilskraft und Agency durch KI-Einsatz weiterzuentwickeln, als „Human in the Loop“ persönlich zu wachsen.1919 Ethan Mollick: Co-Intelligence. Living and Working with AI, New York 2024, Kap. 3: „Always invite AI to the table“, „Be the human in the loop“, „Treat AI like a person (but tell it what kind of person it is)“, „Assume this is the worst AI you will ever use“.

Natürlich gibt es auch die umgekehrte Sorge: Wer kritisches Denken und Urteilen dauerhaft auslagert, wird Fähigkeiten verlieren. Mollick selbst warnt, wer erste Entwürfe der KI überlasse, müsse nicht mehr so intensiv und gründlich über das nachdenken, was er schreibt. Zugleich gibt es viele Tätigkeiten, die wir ohne Bedauern abgeben: das Formatieren von Tabellen oder Präsentationen, das Zusammensuchen von Belegen oder das Abschreiben von Protokollen. Die Kunst liegt darin, zu unterscheiden, was wir aus der Hand geben und was wir selbst beherrschen wollen. Auch das ist Agency.2020 Im Original: „When we use AI to generate our first drafts, we don’t have to think as hard or as deeply about what we write.“ Ethan Mollick: Co-Intelligence. Living and Working with AI, New York 2024, Auszug in: Fortune, 18.4.2024, https://fortune.com/2024/04/18/ai-button-ethan-mollick-co-intelligence-book-excerpt/ (Abruf: 30.10.2026). Mollick unterscheidet dort Aufgaben, die wir selbst erledigen wollen, Aufgaben, die wir der KI übertragen und prüfen, und Aufgaben, die wir ganz automatisieren (Kap. 6).

Das europäische Paradox

Produktiv eingesetzte Mündigkeit im Arbeitsalltag ist eine Sache. Damit daraus gesamtgesellschaftliche Innovationskraft entstehen kann, braucht es vernünftige Rahmenbedingungen. Was im Kleinen bei jedem Einzelnen beginnt, muss sich im Großen in der Politik fortsetzen. Hier wird die Frage nach Agency zu einer strategischen Überlebensfrage. Und hier ist Europa angesichts des historischen Gestaltungsauftrags denkbar schlecht aufgestellt. Vielen Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fehlt bislang ein gemeinsames Verständnis davon, was Agency im KI-Zeitalter bedeutet, und Orientierung hinsichtlich einer Entwicklung, deren Tempo selbst viele Fachleute überrascht.

Schon bei klar umrissenen Problemfeldern tut sich die Politik schwer, pragmatische Lösungen durchzusetzen. Hemmnisse für die Entwicklung eines global konkurrenzfähigen KI-Ökosystems werden trotz ausgearbeiteter Reformvorschläge nicht oder nur zaghaft beseitigt. Dazu gehören fragmentierte Kapitalmärkte, überregulierte Arbeitsmärkte, ein zersplitterter Binnenmarkt und mangelnde Innovations- und Investitionsanreize.2121 Vgl. Mario Draghi: The Future of European Competitiveness, 2024, insbesondere Teil A zur Innovationslücke, Finanzierung und zu strategischen Abhängigkeiten. Hrsg. von der Europäischen Kommission, Brüssel, September 2024. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezifferte 2024 das Pro-Kopf-Einkommen der EU auf rund ein Drittel weniger als in den USA. Fast 70 Prozent dieser Lücke führte er auf geringere Produktivität zurück. Für Start-ups und junge Wachstumsunternehmen stand in der EU nach dieser Analyse im vorausgegangenen Jahrzehnt nur etwa ein Zehntel der US-amerikanischen Finanzierungsmittel zur Verfügung.2222 Alfred Kammer: „Europe: Turning the Recovery into Enduring Growth“, Rede am 14. Mai 2024 im ECB House of the Euro in Brüssel. Die Aussagen über das Pro-Kopf-Einkommen, den Produktivitätsanteil an der Lücke und die geringeren Finanzierungsmittel beziehen sich auf die damalige Analyse. Die Rede beschreibt einen Produktivitätsrückstand europäischer Unternehmen seit 2005, der sich nach 2014 vergrößerte. IWF-Rede, 14.05.2024 (Abruf: 22.10.2026).

Die heutige Abhängigkeit Europas bei der KI-Infrastruktur hat eine lange Vorgeschichte. Schon während der Internetrevolution investierten die USA deutlich mehr in digitale Technik: 1999 flossen dort rund 4 Prozent der Wirtschaftsleistung in Informations- und Kommunikationstechnik, in der EU gut 2,5 Prozent. Dieser Vorsprung ging der amerikanischen Dominanz bei Cloud- und Plattformentechnologien voraus. Heute zeigt sich der Abstand in der physischen Grundlage der KI: 2024 kamen in den USA 5,8 Gigawatt Rechenzentrumskapazität hinzu, in der EU 1,6 Gigawatt. Mitte 2025 entfielen auf die USA rund drei Viertel der weltweit erfassten High-End-KI-Rechenleistung, auf die EU knapp 5 Prozent.2323 ICT-Investitionen im Unternehmenssektor in Prozent des BIP, 1992: USA 2,60, EU 1,81; 1999: USA 4,54, EU 2,37. Hannes Leo: ICT Investment and Growth of Output and Productivity, WIFO 2002, auf Basis von OECD-Daten. Rechenzentren und KI-Rechenleistung: Alex Haag: The State of AI Competition in Advanced Economies, FEDS Notes, Board of Governors of the Federal Reserve System, 6.10.2025, https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/the-state-of-ai-competition-in-advanced-economies-20251006.html (Abruf: 30.10.2026); die Anteile beruhen auf erfassten Systemen, die nur einen Teil der weltweiten Rechenleistung abdecken. Cloud: 2025 entfielen rund 70 Prozent des europäischen Marktes für Cloud-Infrastrukturdienste auf Amazon, Microsoft und Google, auf europäische Anbieter zusammen 15 Prozent, 2017 noch etwa doppelt so viel. Synergy Research Group: „European Cloud Providers’ Local Market Share Now Holds Steady at 15%“, 24.7.2025 (Abruf: 22.10.2026).

Die digitale Investitionslücke besteht seit 30 Jahren

Investitionen in Computer- und Kommunikationstechnik, Software und Datenbanken, in % der Wirtschaftsleistung, 1995–2025

0 1 2 3 4 5 % 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 USA Europa Stagnation 2022–2024 Dotcom-Boom 0 1 2 3 4 5 % 1995 2005 2015 2025 USA Europa Stagnation Dotcom-Boom Vergrößern ↗
Grafik: Johannes Richardt. Für die Darstellung einer grundsätzlichen Entwicklungstendenz werden drei Datenreihen verbunden: 1995–2021 EU KLEMS & INTANProd; 2022–2024 OECD (gestrichelt); 2025 Schätzung der EZB (punktiert).2424 1995–2021: EU KLEMS & INTANProd, Luiss Lab of European Economics, euklems-intanprod-llee.luiss.it (Abruf: 1.11.2026), eigene Berechnung. Investitionen in Computer- und Kommunikationstechnik sowie Software und Datenbanken in Prozent der Bruttowertschöpfung der Gesamtwirtschaft, laufende Preise. 2022–2024: fortgeschrieben mit der Entwicklung der IKT-Investitionen im OECD Compendium of Productivity Indicators 2026. 2025: Schätzung auf Basis des Digitalinvestitions-Indikators der EZB (Rede „AI and the euro area economy“, 23.3.2026). Er ist breiter abgegrenzt und umfasst etwa auch Rechenzentren, IKT-Bauten und Forschung; der Anstieg 2025 ist daher zum Teil methodisch bedingt. Europa: Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande, zusammen knapp drei Viertel der Wirtschaftsleistung der EU. Für die EU insgesamt weist EU KLEMS Datenlücken auf.

Wer verfügt über die KI-Rechenleistung?

Anteil an der beobachteten High-End-KI-Rechenleistung weltweit, Stand Juli 2025

USA 74 % China 14 % Übrige Welt 7,2 % EU 4,8 % USA 74 % China 14 % Übrige Welt 7,2 % EU 4,8 % Vergrößern ↗
Darstellung nach Federal Reserve, FEDS Notes, 6.10.2025, Abb. 2B. Daten: Epoch AI. Erfasst ist nur ein Teil der weltweiten Rechenleistung.

Dabei gibt es auch in Europa innovative Ansätze. Mistral AI in Paris entwickelt eigene Modelle, Black Forest Labs in Freiburg generative Bild-KI und Helsing in München KI für die Verteidigung, und es ließen sich viele weitere Beispiele nennen. Hieraus erwächst bisher jedoch keine Dynamik, die mit den führenden KI-Ökosystemen in den USA oder China vergleichbar wäre. Viele ambitionierte Unternehmen und wissenschaftliche Talente verlassen deshalb früher oder später Europa.2525 Nach dem Draghi-Bericht verlegten zwischen 2008 und 2021 knapp 30 Prozent der in Europa gegründeten „Unicorns“ (Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar) ihren Sitz ins Ausland, die meisten in die USA. Vgl. Mario Draghi: The Future of European Competitiveness, Teil A, 2024; European Investment Bank: Drivers of relocation by innovative EU startups and scaleups, Februar 2025. So wird der Abstand zu dynamischeren Weltregionen eher größer als kleiner.

Institutionen und Mentalitäten

Eine Erklärung für diese paradox anmutende Situation liegt in jenem institutionellen Geflecht des „europäischen Modells“, das sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herausgebildet und lange Zeit bewährt hat.2626 Von einem „europäischen Sozialmodell“ ist seit den 1980er Jahren die Rede, vor allem im Umfeld des damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors. Akademisch geprägt wurde der Begriff des „europäischen Modells“ u. a. von dem Historiker Tony Judt, der das Standardwerk zur (west- und ost)europäischen Nachkriegsgeschichte schrieb (vgl. Tony Judt: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006). Nach den Katastrophen der ersten Jahrhunderthälfte setzte man in Westeuropa auf eine politische Ordnung, die vor allem auf sozialen Ausgleich und die Einhegung politischer und ökonomischer Risiken ausgelegt war. Ideologische Grundsatzfragen wurden auf das Maß von Sachfragen zurechtgestutzt, die Experten in kleinen Schritten bearbeiteten. Mit der Zeit sind wir in Europa dabei einer fundamentalen Verwechslung anheimgefallen: Wir haben die Verwaltung des Erreichten mit der Gestaltung der Zukunft gleichgesetzt. Wirtschaftliche Fehlanreize, institutionelle Verhärtungen und negative kulturelle Glaubenssätze haben sich gegenseitig verstärkt. Das hat das Vertrauen in die eigene Agency über Jahrzehnte systematisch ausgehöhlt (diesen Aspekt werde ich in Folgeartikeln weiter vertiefen).

Der oben erwähnte Douglass North beschreibt diesen Zusammenhang genauer: Gesetze, Regulierung und Kapitalmärkte und informelle Normen wie Erziehung und der gesellschaftliche Umgang mit Risiken stützen sich gegenseitig. Wenn ein deutscher Gründer Risiken scheut, kann das unter den gegebenen Regeln rational sein und zugleich anerzogen. Ähnliches gilt für ganze Branchen. Im deutschen Gesundheitswesen haben Ärzte, Kassen, Kliniken und Apotheken die Digitalisierung über Jahrzehnte gebremst; neben finanziellen Interessen spielten auch Sorgen vor Kontroll- und Statusverlusten eine Rolle. Inzwischen trägt KI dazu bei, in Diagnostik, Dokumentation oder Anamnese Blockaden langsam aufzubrechen und einen Mentalitätswandel anzustoßen.2727 Nina Anika Klotz: „Gesundheitswesen: KI durchbricht die Bunker-Mentalität“, Table.Briefings, CEO.Talk, 31.10.2026, https://table.media/ceo/ceo-talk/gesundheitswesen-ki-durchbricht-die-bunker-mentalitaet (Abruf: 31.10.2026). Hier zeigt sich, dass Regeln und Gesetze allein nicht reichen. Um die starre „Pfadabhängigkeit“ – wie North diese historische Selbstverstärkung ineffizienter Strukturen nennt – zu durchbrechen, braucht es solche technologischen und gesellschaftlichen Impulsgeber. Erwartungen an Risiko, Vorsorge und die eigene Gestaltungskraft müssen sich grundlegend verändern.2828 Vgl. Douglass C. North: Institutions, Institutional Change and Economic Performance, Cambridge 1990. North unterscheidet formelle Regeln wie Verfassungen, Gesetze und Eigentumsrechte von informellen Beschränkungen wie Konventionen, Normen und Verhaltenskodizes; beide zusammen bilden die Anreizstruktur einer Gesellschaft. Deutsch: Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen 1992. Der Satz ist schnell geschrieben. Und praktisch sehr schwer umsetzbar. Aber es ist genau jene Herausforderung, der wir uns heute stellen müssen.

Angesichts dieser Herkulesaufgabe ist ein Vergleich mit den USA nützlich, Europas ungleichem Geschwister, mit dem uns aktuell so wenig zu verbinden scheint wie nie zuvor in der neueren Geschichte. Beide schöpfen aus denselben philosophischen, wissenschaftlichen und politischen Traditionen seit der europäischen Antike. Dabei haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche politische Institutionen und Traditionen, aber auch kulturelle Grundüberzeugungen in Bezug auf Agency ausgeprägt. Sie tragen dazu bei – und hierauf konzentriert sich dieser Essay –, dass die USA der KI-Revolution nicht so hilflos gegenüberstehen. Während das europäische Denken durch Status-quo-Denken und Vorsorgeprinzip geprägt ist, gilt gerade im amerikanischen Tech-Sektor mehr das an Schumpeters „schöpferische Zerstörung“2929 Vgl. Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1942 (bzw. Tübingen 2020). Das Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ (creative destruction) beschreibt Schumpeter darin als den essenziellen Prozess der dynamischen Umstrukturierung der Wirtschaft durch Innovationen. erinnernde Prinzip des „Move fast and break things“.

Die amerikanische Agency ist expansiv und marktfokussiert. Sie begreift Technologie als Hebel zur Welterzeugung, während das europäische Modell Technologie eher als Risiko wahrnimmt, das reguliert und begrenzt werden muss. Die relative Dynamik in den USA stützt sich auf einen tiefen Markt für Wagniskapital und auf eine Kultur, in der Scheitern als Normalfall des Unternehmertums gilt und nicht als Makel. Hier muss Europa viel abschauen. Denn der Rückstand wird immer größer. Vor 25 Jahren waren noch 15 der 50 größten Technologieunternehmen der Welt europäisch. Heute sind es nach Börsenwert gerade noch ASML, SAP und Spotify; mehr als 30 sind amerikanisch, ein Dutzend asiatisch.3030 Marc Andreessen auf X, Oktober 2026. Andreessen verbindet die Diagnose mit dem Appell an die amerikanische Politik, nicht „the next Europe“ zu werden, das sich „durch Regulieren, Besteuern und Belehren aus der Relevanz verabschiedet hat“.

Das europäische Zaudern passt nicht mehr in die geopolitische Lage. Heute ist die grundsätzliche Bejahung der technologischen Dynamik mehr denn je notwendige Bedingung jeglicher sinnvollen gesellschaftlichen Erneuerung; gleichwohl sie kein hinreichender Maßstab für ihr Gelingen ist. Entscheidend ist, ob Technologie zu mehr Freiheit, Mündigkeit und demokratischer Selbstbestimmung führt oder diese einschränkt. Das ist eine politische Frage. Vom amerikanischen Beispiel lässt sich lernen, wie wir Dynamik entfalten; wem sie dienen soll, müssen wir selbst verhandeln. In den USA erleben wir eine bedrohliche Machtkonzentration in den Händen weniger Großkonzerne, während das Land politisch und kulturell tief gespalten ist. Gleichzeitig gibt es dort aber auch viele im klassischen Sinne liberale Grassroots-Initiativen, die technischen Fortschritt mit dezentraler Kooperation, demokratischer Beteiligung und Wertepluralismus verbinden wollen.3131 Z. B. Initiativen wie das Foresight Institute, RadicalxChange oder das Meaning Alignment Institute. Solche Initiativen finden sich in Europa kaum. Wir müssen unseren eigenen Weg finden, die Potentiale der KI nutzbar zu machen. Gelingt uns das nicht, droht die Dominanz durch andere: die USA oder, wohl weit unfreundlicher, China.

Trotzdem soll dies keine Untergangsgeschichte Europas werden. Der Nachkriegskonsens des „europäischen Modells“ hat in den letzten 80 Jahren zu Wohlstand, sozialem Ausgleich und großen individuellen Freiheiten geführt. Die Missstände unseres verwaltenden Vorsorgeregimes sind keine Naturgesetze. Wir können sie überwinden. Technologien können bestehende politische und ökonomische Abhängigkeiten verstärken, aber auch die Mittel bereitstellen, um gesellschaftliche Ordnungen zu erneuern.3232 Der Zusammenhang zwischen Technik und politischer Ordnung ist nicht deterministisch. Buchdruck, Eisenbahn, Telegrafie, Elektrifizierung und Rundfunk veränderten jeweils auf ihre Weise radikal die Bedingungen gesellschaftlicher Kommunikation und Organisation. Somit sind Technologien stets auch Schrittmacher für fundamentale politische Veränderungen. Der Durchbruch des britischen Parlamentarismus im 17. Jahrhundert wäre ohne den Buchdruck, der das Informationsmonopol von Hochadel und Klerus brach, wohl ebenso wenig denkbar gewesen wie die Säkularisierung im 18./19. Jahrhundert, die den Bedeutungsverlust der Klöster als zentrale Administrations- und Wissensknotenpunkte in Europa besiegelte und somit die Grundlagen für den modernen Verwaltungsstaat schuf. Auch die später folgende Entstehung der modernen Massendemokratien ist ohne die technische Infrastruktur der industriellen Moderne nicht denkbar. Hier offenbart sich jedoch auch eine hochgradige Ambivalenz: Lenins berühmte Formel „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ aus dem Jahr 1920 zeigt, dass dieselbe technologische Infrastruktur auch für fundamental andere politische Projekte genutzt werden kann (vgl. Wladimir I. Lenin: Bericht über die Arbeit des Rates der Volkskommissare, 22.12.1920).

Angst vor dem Umbruch

Viele Menschen haben angesichts des Tempos der Entwicklung berechtigte Sorgen. Die KI wird Berufsfelder umwälzen, Karrieren und Gewissheiten zerstören und viele Nebenwirkungen zeigen, die wir jetzt noch nicht kennen. Fragen wie der Energieverbrauch der Rechenzentren, Datenschutz oder KI-generierte Propaganda müssen diskutiert werden. Schon formieren sich Anti-KI-Allianzen, die an historische Vorbilder erinnern, etwa an die Maschinenstürmer in England oder an die schlesischen Weber, deren Aufstand 1844 auch eine Revolte gegen die Folgen der Mechanisierung war.3333 Zu den englischen Maschinenstürmern vgl. Eric J. Hobsbawm: „The Machine Breakers“, in: Past & Present, Nr. 1, 1952, S. 57–70. Zum schlesischen Weberaufstand vgl. Christina von Hodenberg: Aufstand der Weber. Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos, Bonn 1997. Käthe Kollwitz verarbeitete den Stoff, angeregt durch Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ (1892), in ihrem Zyklus „Ein Weberaufstand“ (1893–1897).

Skepsis wird sich auch dort regen, wo beruflicher Status und Identität auf mühsam erarbeiteter Vertrautheit mit komplexen Abläufen und Wissensbeständen beruht – etwa der Fähigkeit, komplexe bürokratische Verfahren zu durchdringen, spezifische Sprach- und Fachcodes zu beherrschen oder verstreute Informationen gezielt zu erschließen. Dieses inkorporierte kulturelle Kapital bildete bislang das Fundament vieler Wissensberufe.3434 Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg 1992 (insbes. zum Begriff des inkorporierten kulturellen Kapitals als verinnerlichte Kompetenzen und Sprachstile). Indem generative KI-Systeme genau diese Übersetzungs- und Rechercheleistungen niederschwellig verfügbar machen, lösen sich lang etablierte Informationsasymmetrien auf.3535 Richard Susskind / Daniel Susskind: The Future of the Professions. How Technology Will Transform the Work of Human Experts, Oxford 2022 (zur Auflösung klassischer Gatekeeper-Monopole durch Technologie). Was einerseits eine erhebliche Demokratisierung von Wissen bedeutet, berührt andererseits das Selbstverständnis von Juristen, Kommunikationsprofis, Wissenschaftlern und Politikern, deren Expertise genau in der Bewältigung dieser Komplexität lag.

Käthe Kollwitz, Weberzug, Radierung 1897Vergrößern ↗
Käthe Kollwitz, „Weberzug“, Blatt 4 des Zyklus „Ein Weberaufstand“, Radierung, 1897. Foto: Derbrauni, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. Ausschnitt.

Hinzu kommt eine Erfahrung, die vor allem Jüngere prägt. Das „Modell Europa“ stand neben Wohlstand, Sicherheit und Freiheit auch für ein Aufstiegsversprechen: Die nächste Generation sollte es besser haben. Dieses Versprechen ist in den vergangenen Jahrzehnten schwachen Wachstums brüchig geworden. Nun scheint die KI gerade jene zuerst zu treffen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen, weil sich Einstiegsaufgaben besonders leicht automatisieren lassen. In den USA ging die Beschäftigung von 22- bis 25-Jährigen in besonders KI-nahen Berufen im Vergleich zu eher KI-fernen Berufen um 13 Prozent zurück. Technische Weiterbildung allein wird nicht reichen. Gefragt ist eine neue Haltung: Mut, Risikobereitschaft und Experimentierfreude – Eigenschaften, die man einst der Jugend in besonderem Maße zuschrieb. Wer in einer Kultur der Absicherung aufgewachsen ist, muss sie oft mühsam lernen. Auch dafür braucht es Agency.3636 Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar, Ruyu Chen: Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence, Stanford Digital Economy Lab, August 2025, https://siepr.stanford.edu/publications/working-paper/canaries-coal-mine-six-facts-about-recent-employment-effects-artificial (Abruf: 30.10.2026). Der Rückgang ist relativ zu weniger KI-nahen Berufen gemessen.

So verständlich die Angst vieler Gruppen vor Statusverlust auch ist: Der Preis, sich gegen die Disruption zu stellen, wäre höher, als die Disruption anzunehmen und zu gestalten. Die Alternative ist nicht die Bewahrung des Bestehenden, sondern schleichender ökonomischer Niedergang und Fremdbestimmung durch technologisch und kommerziell überlegene Mächte. Man denke an die kulturell hochstehenden, aber technologisch rückständigen Mächte Asiens im 19. Jahrhundert: China musste in den „Ungleichen Verträgen“ Teile seiner Souveränität abtreten, Japan wurde von der US-Marine zur Öffnung gezwungen. Oder an das Osmanische Reich, das sich dem Buchdruck lange verschloss. Viele Historiker sehen darin einen Grund für seinen späteren Rückstand.3737 Gemeint ist der Druck in osmanischer Sprache; die erste Druckerei dafür eröffnete İbrahim Müteferrika erst 1727. Ob es ein förmliches Verbot gab, ist umstritten. Vgl. Metin M. Coşgel, Thomas J. Miceli, Jared Rubin: „The Political Economy of Mass Printing: Legitimacy and Technological Change in the Ottoman Empire“, in: Journal of Comparative Economics, Bd. 40, Nr. 3, 2012, S. 357–371; Kathryn A. Schwartz: „Did Ottoman Sultans Ban Print?“, in: Book History, Bd. 20, 2017, S. 1–39. Ob die Produktivitätsgewinne der KI breiten Wohlstand oder gar Überfluss für alle schaffen, ist eine Frage der Gestaltung.3838 Elon Musk propagiert seit letztem Jahr die Idee der „sustainable abundance“, eines nachhaltigen Überflusses für alle, https://www.tesla.com/master-plan-part-4 (Abruf: 29.10.2026). Die Vision erinnert an die Hoffnung des jungen Marx, die Arbeitsteilung zu überwinden, so dass man „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“ vermag (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, 1845/46, MEW 3, S. 33), und an sein späteres „Reich der Freiheit“, das dort beginne, wo die durch Not bestimmte Arbeit aufhöre (Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 828). Zwar ist eine direkte Anlehnung Musks an Marx nicht belegt, aber die Parallele ist interessant. Utopien erfüllen sich in der Regel nicht, und der Weg zu ihnen ist, wie die Geschichte der politischen Bewegungen in der Nachfolge von Marx zeigt, mit Leichen gepflastert. Fortschritt ist gleichwohl real. Steven Pinker zeigt, wie sehr sich Lebenserwartung, Wohlstand und Bildung seit dem 19. Jahrhundert verbessert haben (Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt, Frankfurt am Main 2018). Marx wäre wohl erstaunt gewesen, wie stark der Lebensstandard breiter Schichten gerade in Europa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gestiegen ist. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass dieser Prozess weitergehen und durch KI erheblich beschleunigt werden kann, ohne dafür ins Reich der utopischen Träumereien übersiedeln zu müssen. Verweigern wir uns, entstehen sie dennoch – nur anderswo. Und mit ihnen verlagert sich die Macht, Normen und Regeln zu setzen.

Wie tief die Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt verwurzelt ist, zeigt ein Blick auf jene Wissenschaft, die das Fundament der KI-Revolution liefert: die Mathematik. Dort melden die großen KI-Labore in rascher Folge Lösungen offener Probleme, im September 2026 sogar für eines der berühmten Millennium-Probleme; die Prüfung durch Fachleute läuft. Im 19. Jahrhundert hätte man das als Triumph des Fortschritts gefeiert. Heutzutage überwiegt gerade in Europa die Sorge um die Zukunft des Fachs. Diese Sorge ist nachvollziehbar, sie zeigt aber, wie sehr der Blick auf eventuelle Verluste den Blick auf neue Möglichkeiten verstellt.3939 Zur Navier-Stokes-Behauptung vom 9.9.2026 und dem Streit darüber vgl. science.ORF.at, „Streit über KI- ‚Lösung‘ von Millennium-Problem“, https://science.orf.at/stories/3237239/; das Clay Mathematics Institute hat die Lösung bislang nicht anerkannt. Zur Veröffentlichung vom 7.10.2026 und den Reaktionen, von der Sorge um die Zukunft des Fachs bis zur Begeisterung, vgl. Fortune, 7.10.2026, https://fortune.com/2026/10/07/openai-math-controversy-solutions-370-outstanding-challenges-published-criticisms-celebration/ (beide Abruf: 29.10.2026).

Es verfestigt sich eine ernüchternde Diagnose: In weiten Teilen der europäischen Öffentlichkeit wird unter Handlungsfähigkeit heute vor allem verstanden, die eigene Verletzlichkeit angesichts der technischen Dynamik hervorzukehren und Risiken im Sinne des Vorsorgeprinzips möglichst umfassend eindämmen zu wollen. Auch das ist eine Form, politisch und individuell Einfluss auszuüben – keine Frage. Aber anpackende Agency, die den Kontinent vorwärtsbringt, sieht anders aus.

Wer seine Gestaltungskraft vor allem darauf richtet, Entwicklungen aufzuhalten, die anderswo ohnehin stattfinden, gibt Handlungsfähigkeit am Ende aus der Hand. Er bestimmt weder, wie die Technik aussieht, die ihm später aufgedrängt wird, noch die Regeln, unter denen sie eingesetzt wird. Bremsen schlägt in Fremdbestimmung um. Agency im Sinne der Aufklärung heißt dagegen, Technik beherrschen, um sie in den Dienst von Freiheit und Selbstbestimmung zu stellen.

Agency als Bedingung von Souveränität

Ob sich die kühnsten Prognosen hinsichtlich der Zukunft der KI in Gänze verwirklichen, ist für die hier entwickelte Argumentationslinie nicht ausschlaggebend. Selbst wenn die Entwicklung der künstlichen Intelligenz morgen wie von Geisterhand zum Stillstand käme – wovon beileibe nicht auszugehen ist – bliebe die enorme Aufgabe, bereits verfügbare Fähigkeiten gesellschaftlich zu erschließen. Es ist richtig, dass die aktuelle Debatte auch zu Überhitzung neigt. Manches wird sich im Rückblick als (Marketing-)Hype erweisen. Dennoch ist es plausibler, dem Diktum vieler KI-Denker zu folgen, wonach KI eher „underhyped“ sei. Wir tun uns als Menschheit schwer, die Bedeutung des Epochenwandels zu erfassen und zu konzeptualisieren.4040 So etwa der frühere Google-Chef Eric Schmidt: „The AI revolution is underhyped“, Vortrag auf der Konferenz TED2025, Vancouver, April 2025, https://www.ted.com/talks/eric_schmidt_the_ai_revolution_is_underhyped (Abruf: 1.11.2026).

Dieser Wandel verlangt eine europäische Antwort, drängend in Verteidigungstechnik, Produktion und Wissenschaft, aber ebenso in Politik, Wissensarbeit und Kultur, und bislang fällt sie ungenügend aus. Wir müssen uns agiler aufstellen, sonst drohen politische Abhängigkeiten von technologisch überlegenen Staaten oder die kommerzielle Abhängigkeit von den sich formierenden Giga-Konzernen des KI-Zeitalters.4141 Ferguson, N., Schmidt, E., & Klaassen, L. (2026). Empires of AI: How Tech Companies Are Rebuilding the Imperial Order. Foreign Affairs, 105(6). foreignaffairs.com Die Renaissance der Agency wird zur Schicksalsfrage des Kontinents. Europa muss ihr mit entschlossenem politischem Gestaltungswillen begegnen und sich von überholten Reflexen lösen, Probleme aus der Welt regulieren zu können und diesen reaktiven Politikansatz für moralisch überlegen zu halten. Das verlangt zweierlei: Erstens massiv in eigene technologische Fähigkeiten zu investieren, und zweitens Institutionen wie Gesellschaft auf die neuen Verhältnisse einzustellen – statt sich im Regulieren zu erschöpfen. Der EU AI Act offenbart die drastischen Grenzen dieses rein regulatorischen Weges: Ein schwerfälliges Gesetzeswerk, das von der exponentiellen Entwicklung der KI in Teilen überholt wurde, bevor es überhaupt seine volle Wirkung entfaltet.4242 Amin Oueslati, Robin Staes-Polet (The Future Society): Ahead of the Curve: Governing AI Agents under the EU AI Act, Juni 2025; Europäische Kommission, AI Act Service Desk: FAQ „How are AI agents addressed within the AI Act?“, 2026. Europa versucht hier, eine hyperdynamische Technologie des 21. Jahrhunderts mit den bürokratischen Verfahren des 20. Jahrhunderts zu zähmen.

Der Philosoph Markus Gabriel verweist in „Ethische Intelligenz“ darauf, dass unsere Aufgabe nicht darin bestehen kann, KI bloß defensiv durch Regulierungen einzuhegen. Wir müssen sie vielmehr kultivieren, das heißt, sie technisch und philosophisch so vervollkommnen, dass eine „Ko-Evolution“ zum Wohle der Menschen gelingt.4343 Markus Gabriel: Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann, Berlin, 2026. Die europäischen Debatten der letzten Jahre über digitale Souveränität weisen hier in die richtige Richtung. Manche mögen sich erinnern, dass der Begriff der Souveränität im sich postnational wähnenden Europa noch vor nicht allzu langer Zeit als anrüchig galt. Doch ohne ein echtes Bewusstsein dafür, dass politische Souveränität der kollektive Ausdruck unserer Agency ist, wird der Ruf nach ihr nur wenig Wirkung entfalten. Das gilt für Staaten und Staatenbünde nach außen ebenso wie für die demokratische Souveränität im Inneren.

Denn wo Politik vor allem als Verwaltung durch Experten wahrgenommen wird, erlahmt nicht nur das Vertrauen in den demokratischen Prozess, es schwindet auch der Mut zu privater Initiative in Wirtschaft und Gesellschaft. Dieser allgemeine Vertrauensverlust erschwert wiederum die Reform jener Institutionen, die Europas Entwicklung behindern. Kulturelle Verzagtheit und institutionelle Erstarrung verstärken sich gegenseitig. Rein politisch-technische Maßnahmen können diesen Kreislauf nicht durchbrechen. Auch wo Reformen in Gang kommen, folgen sie meistens dem beschriebenen technokratischen Muster. Dieser Ansatz hat lange Zeit leidlich funktioniert. Er entsprach Karl Poppers Ideal einer „Politik der kleinen Schritte“, die das Risiko großer Systemfehler minimieren sollte und den europäischen Nachkriegskonsens prägte.4444 Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Kap. 9. Tübingen, 1992. Doch angesichts des globalen Wandels trägt diese vorsichtige Pragmatik nicht mehr. Europa braucht mehr schöpferische Zerstörung im schumpeterschen Sinne und vorwärts gerichtete Disruption. Es bedarf einer prinzipiellen Neuausrichtung der politischen Kultur an klassisch aufklärerischen Werten wie Autonomie und Mündigkeit.

Europas Malaise ist seit Langem bekannt und in unzähligen Sachdebatten verhandelt, gleichwohl gelingt es uns nicht, eingefahrene Pfade zu verlassen. Die KI kann, wenn wir es klug anstellen, der entscheidende Katalysator für eine institutionelle Erneuerung sein. Ihr Potenzial können wir heute noch nicht voll erfassen. Sie kann die Verwaltung effizienter gestalten, Urteilskraft und Bildung der Bürger stärken sowie den demokratischen Prozess erneuern. Sie kann Bürgern und gewählten Vertretern helfen, politische Alternativen eigenständiger zu beurteilen und Verwaltungsentscheidungen besser zu durchschauen. Und sie kann die Bürger mit ihren legitimen Interessen gegenüber den vertikalen Machtstrukturen von Staat, Verwaltung und Parteien stärken und manche Vermittlungsleistungen dieser Apparate ganz oder in Teilen überflüssig machen. Das Potenzial der KI reicht über reine Effizienzsteigerungen von Organisationen und Arbeitsprozessen hinaus. Ob sie die demokratische Agency der Bürger erweitert oder technokratische Strukturen perfektioniert, ist letztlich eine politische Frage, die in Demokratien durch das Engagement mündiger Bürger entschieden wird.

Grundlage hierfür ist eine ernsthafte Debatte darüber, wie sich Europa in die aktuelle Sackgasse manövriert hat und welche Bedingungen für eine Renaissance europäischer Handlungsfähigkeit im KI-Zeitalter notwendig sind. Kommende Texte werden hier die philosophischen, historischen, ökonomischen und politischen Dimensionen dieser Krise der Handlungsfähigkeit ausloten und mit Möglichkeiten experimentieren, wie wir diese zukunftsoptimistisch überwinden können. Es geht um eine existenzielle Weichenstellung: Versteht sich Europa im 21. Jahrhundert als ein von Experten verwaltetes Freilichtmuseum der Aufklärung – moralisch erhaben, aber handlungsunfähig? Oder gelingt uns eine fundamentale Kehrtwende?